Donnerstag, 2. Juni 2016

Thema: „50 ways to leave your lover“.

Kaum ist man glücklich, der Job macht Spaß, die Liebe wartet jeden Abend auf einen und nun gab es sogar noch etwas zu feiern. Denn mein Chef schickte mich für ein paar Wochen nach England. Ich freute mich riesig über diese Chance. Vielleicht wurde der Traum, in der Marketingabteilung aufzusteigen, endlich wahr.
Dafür durfte ich früher in den Feierabend. Um meinen Freund zu überraschen, fuhr ich mit der Bahn quer durch die Stadt. Ich konnte es kaum erwarten Michael davon zu erzählen. Vier Wochen England. Er würde mir fehlen. Aber das war mein Traum. Vier Wochen in der Marketingabteilung, in London, mitwirken zu dürfen. An den Abenden diese Stadt erkunden zu können.
In der Werkstatt des KFZ-Betriebs suchte ich nach ihm. Sein Kollege erklärte mir, dass er in dem benachbarten Café saß. Strahlend lief ich zu ihm. Das war einfach perfekt. Die Sonne schien warm in mein Gesicht. Fast rannte ich einen Herren um. Dieser fluchte, doch selbst das konnte meine Euphorie nicht bremsen.
Aber da sah ich ihn! Wer verdammt saß da neben meinem Freund? Vertraut legte er seinen Arm uns seine hübsche Begleiterin. Sie küsste ihn auf die Wange, lachte ihn glücklich an und schüttete ihm etwas Zucker in den Kaffee. Mein Herz blieb stehen. Durch das große Glasfenster erhielt ich freien Blick auf meinen Freund, welcher mich betrog. Er lachte gemeinsam mit dieser schlanken Schönheit. Sie umarmten sich. Nein,es handelte es sich nicht um eine freundschaftliche Umarmung, dafür dauerte sie viel zu lange. Starrend, entsetzt, verletzt, enttäuscht, beobachtete ich die Zweisamkeit der beiden. »Saskia? Geh doch rein!« Sein Kollege tauchte hinter mir auf. Ich drehte mich weg, nahm die Beine in die Hand und rannte panisch die Straße hinunter.

Heulend setzte ich mich in die Bahn. Wie konnte er mir das nur antun? Am besten Tag meines Daseins betrog er mich. Michael war die Liebe meines Lebens. Seit dreizehn Monaten waren wir unzertrennlich. Selbst seine Eltern mochte ich.
Die Bahn hielt am Randgebiet der Stadt. Schluchzend setzte ich mich in meinen Wagen, mit letzter Kraft brachte ich den Schlüssel ins Zündschloss. Das Lied von Paul Simon - 50 ways to leave your lover-, erklang im Radio. Da sprach der Sänger davon, sich aus dem Staub zu machen. Das ging nicht. Ich besaß alles was ich brauchte. Außer meinen Freund. Denn den würde ich nun abservieren. Selbst wenn es furchtbar schmerzte. Den Schlüssel in den Briefkasten werfen? Nein, unmöglich. Die Wohnung gehörte mir. Ich parkte meinen Wagen in der Tiefgarage. Sein Fahrzeug stand noch an der Bahn. Das könnte ich zerkratzen und auf Unzurechnungsfähig plädieren. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Blickte in den Rückspiegel. Dafür dass ich mich so gefreut hatte, ging es mir wirklich mies. Ihn auch betrügen? So war ich einfach nicht gestrickt. Seine Koffer vor die Tür stellen? Eine Möglichkeit. Doch diese fand ich viel zu nett. Nein, es musste etwas Grausames sein. In der Wohnung angekommen, empfingen mich die Bilder aus unserem ersten Urlaub. Rom war es gewesen. Dort liebten wir uns jeden Tag, versprachen uns tausende Dinge.
Ich hing den großen Rahmen ab, drehte ihn um, damit ich sein lachendes Gesicht nicht mehr sehen musste. Genau so hatte er sie angesehen. Ihr die Augen auskratzen? Sie erstechen? Dafür müsste ich sie kennenlernen und dazu hatte ich definitiv keine Lust. Kein Interesse. Vermutlich würde ich kein Wort hinausbekommen.

Seine Katze schlich um meine Füße herum. Sollte ich sie frei lassen? Sie der Wildnis übergeben? Aber die Katze konnte nun wirklich nichts für ihr böses, verlogenes, gemeines Herrchen. Seine Pflanzen vertrocknen lassen? Das dauerte einfach zu lange. Ihn verführen und anschließend abservieren? Blöd, dazu war ich nicht gemacht. Gedankenverloren schlich ich durch unsere hübsche Wohnung. Meine Wohnung. Streich das Unsere! In der Küche lag ein großes Messer. Verdammt, die Strafe auf Mord schien mir einfach zu hoch. Wobei ich ihn vor die S-Bahn schupsen konnte. Viel zu umständlich.
Seine Papiere verwüsten. Allein die Neuanschaffung sämtlicher Banksachen sowie Versicherungsunterlagen, könnte Monate dauern. Seine Eltern informieren, was sie für einen falschen Sohn gezeugt hatten. Ja, diese Möglichkeit konnte ich in betracht ziehen. Erschießen! Wo bekam man Waffen her? Vergiften! Im Medikamentenschrank befanden sich nur Kopfschmerztabletten und die Pille. Wie wirkte sich eine Überdosis Anti-Baby-Pille auf dem Mann aus? Würden ihn Brüste wachsen? Keine Ahnung. Das war alles, zum Verrückt werden. Ich liebte diesen Kerl! Erneut schossen mir die Tränen in die Augen. Im Schlaf ersticken! Erhängen? Oder einfach eine Stolperfalle im Eingang erschaffen und darauf hoffen, dass er sich die Nase brach? Dann würde sie ihn nicht mehr so anziehend finden. Seine Möbel in Sperrmüll verwandeln. Leider kauften wir alles gemeinsam. Verdammt! Ich steckte wirklich in einer totalen Krise. Ihn nur vor die Tür zu setzen, erschien mir zu banal, zu einfach. Dann würde er bei ihr einziehen und Kinder zeugen. Sein bestes Stück abschneiden. Keine schlechte Idee. Aber wie kam ich daran und womit?
Ein Nacktfoto von ihm in der Firma aufhängen? Besaß ich überhaupt eines? Sich bei seinem besten Freund ausheulen? Ihn mit dem Betrügen? Dafür war ich mir dann doch zu schade. Seine CD- Sammlung zerstören. Ha, das könnte ich tun. Ich öffnete das Regal. Zu so vielen Liedern tanzten wir gemeinsam. Mit Freunden grillten wir an der Isar und liebten das Leben. Wir gingen gerne Essen, in Bars oder zu Konzerten. Am liebsten würde ich das Fenster öffnen und hinausschreien. Meinen Schmerz der ganzen Welt kundtun. Oder auf seiner Frontscheibe, des Wagens, -BETRÜGER- schreiben. Leider stand dieser noch immer an der Bahn. Verdammt! Nachts heimlich mit Edding dieses Wort auf die Stirn malen. Oh ja, das gefiel mir! Das Badezimmer mit Weichspüler wischen, damit er ausrutschte. Sein Shampoo gegen Haarfärbemittel austauschen, am besten Grün. Mal sehen, wie sie grüne Brusthaare fand.
Meine Freundin anrufen, dass sie diese Tussi anrief und ihr eine weitere Beziehung vorspielte. Ich suchte nach einem Zettel, um mir Notizen zu machen. Sein Laptop lag auf dem Schreibtisch. Ein Virus? Keine schlechte Möglichkeit. Ich könnte ihm eine Schwangerschaft vortäuschen. Nein, dann würde er bei mir bleiben. Nach diesen Qualen, welche ich soeben litt, wollte ich ihn nicht mehr. Eine schwere Krankheit und ihn rauswerfen? Nun verstand ich endlich den Rosenkrieg meiner Kollegin. Nie konnte ich nachvollziehen, wie Leute so schrecklich grausam miteinander umgehen konnten. Jetzt verstand ich es. Denn dieser Schmerz, betrogen worden zu sein, fühlte sich barbarisch an. Als hätte man das Herz herausgerissen bekommen. Blutend, noch pochend, hielt er es in seiner Hand. Gott, ich verlor soeben meinen Verstand.
Buttersäure! Schmiert man Buttersäure an den Kühler eines Wagens, fängt es irgendwann an, furchtbar zu stinken. Diesen Geruch bekommt man nie wieder los. Das erzählte er mir, nachdem ein Kunde mit diesem Problem auftauchte. Kressesamen auf dem Polster seines Fahrzeugs. Dieser benötigte nur eine geringe Menge Feuchtigkeit und schon würde das Innere seines Autos aussehen, wie eine Wiese.
Eine Zeitungsannonce. Aber worüber? Genau! Er verschenkt sein Auto. Damit dürfte er genug Anrufe bekommen. Oder ich schrieb fünf verschiedene Versicherungen an, da er bestimmt etwas braucht. Natürlich gleich mit Telefonnummer, damit ihn die Versicherungsheinis nervten. Das erschien mir doch ein wenig zu nett, im Anbetracht der Qualen, welche ich soeben durchlitt.
Wenn ich die Katze behalten würde? Ja, die mochte ich. Leider verreiste ich bald für ein paar Wochen, dann würde sie verhungern. Auch keine Option. Sein Essen reichlich mit Tabasco würzen. Das brannte immerhin zweimal. Überall in der Stadt Zettel aufhängen, mit seinem Foto und Betrüger darauf schreiben. Vermutlich würde das kaum einen interessieren. Keiner würde mein Leiden verstehen.
Erst wenn man es selbst erfuhr, wusste man, wie schmerzhaft es war. Sein Mailaccount löschen. Nette Idee. Die Telefonbucheinträge auf seinem Handy verschwinden lassen. Kein Mensch schrieb sich diese mehr auf. Ha! Aber wie kam ich an sein Handy?
Die Katze setzte sich auf meinen Schoss. Bei einem Festival trafen wir uns zum ersten Mal. Es handelte sich um eines, bei welchem man mit Farbpulver um sich warf. Damals ging ich mit meinen Freundinnen hin. Wir feierten ausgelassen, bis eine Freundin sich den Fuß verknackste. Jammernd lag sie am Boden. Ich half ihr auf. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zu den Sanitätern. Bis wir durch das Gedränge der Meute nicht mehr weiterkamen. Da stand er plötzlich vor mir. Seine wunderschönen Augen musterten uns. Er hob meine Freundin hoch, ohne nur darüber nachzudenken, und trug sie durch die Massen hindurch. Bei den Sanitätern mussten wir auf sie warten. Er wich nicht mehr von meiner Seite. Damals fragte er nach meiner Handynummer. Er gefiel mir sofort und schon kam eines zum anderen.
Doch nun hatte er mich betrogen. Ich blickte an die Wand, entdeckte ein Bild seiner geliebten Großmutter, welche sicherlich ebenfalls sauer sein würde. Obwohl ich diese Frau nie kennenlernen durfte, da sie seit Jahren unter der Erde lag. Aber dieses Bild könnte ich einfach aus dem Fenster werfen. Da fiel mir noch einmal sein Laptop ein. Nagellack bekam man vom Bildschirm einfach nicht runter. Auch ein Plan. Ich stapfte ins Bad. Blickte in meine verheulten Augen und suchte nach dem Nagellack. Seine Sachen zerschneiden. Der Gedanke kam mir, als ich die Nagelschere fand. Die Bremsschläuche beim Auto. Aber wo befanden sich die? Man sah das im Fernsehen. Ok, den Gedanken verwarf ich umgehend.
Die Katze rasieren. Das arme Tier. Nein, das ging absolut nicht. Mit dem Nagellack bewaffnet, ging ich zurück ins Wohnzimmer. Neben seinem Laptop lag der Brieföffner. Lang, glänzend, mit einem hübschen antiken Holzgriff versehen. Den einfach ins Bett zu legen und erhoffen, dass das Schicksal zuschlug. Leider konnte ich der Polizei anschließend kaum erklären, wie der Brieföffner im Bett landete.

Die Wohnungstür öffnete sich. Ich hielt noch immer den Brieföffner in der Hand. Michael tauchte im Flur auf. Hinter ihm erschien diese Schönheit. »Hallo Saskia!« Er strahlte mich glücklich an. Ihn einfach anspringen, schlagen, kratzen! »Darf ich dir meine Cousine vorstellen?« Entsetzt starrte ich ihn an. All meine Farbe musste mir aus dem Gesicht gewichen sein. »Liebling, was machst du mit dem Brieföffner?« Verlegen schaute ich in meine Hand. In der anderen hielt ich den Nagellack. Michael kam auf mich zu, zog mich in seine Arme. Sanft hob er mein Kinn an. »Mein Kollege meinte, dass du panisch weggelaufen bist. Warst du etwa eifersüchtig?« Er erzählte mir, dass sie aus Frankreich kam und sich in der Stadt um einen Studienplatz bewarb. Während ich mich langsam beruhigte, ärgerte ich mich, dass ich nicht genug Lebensmittel besorgt hatte.

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